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Entweltlichung: Das Programm der Rückkehr zum Wesentlichen

Entweltlichung bedeutet für Benedikt XVI. nicht Abschied von der Welt, sondern ein geistliches Auftreten in der Welt. Mit seiner Ansprache bei der Begegnung mit engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft am 25. September 2011 in Freiburg rief der Papst die Kirche dazu auf, sich von weltlicher Vereinnahmung zu befreien.

 

von Dr. Christian Schaller

Kennt man die Texte von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., so wundert es einen nicht, wenn er bei seinem Pastoralbesuch in Freiburg an die Katholiken appelliert, zu versuchen, das Wesen der Kirche zu ergründen. Es war und ist immer das Anliegen des emeritierten Papstes, auf den Grund der Dinge zu schauen, sie zu ergründen und offenzulegen. Wer Kirche denkt, kann nicht in den Kategorien reiner Innerweltlichkeit verhaftet bleiben, sondern muss immer eines mitbedenken: Jesus Christus selbst hat die Kirche gegründet, ihre Struktur durch sein Handeln grundgelegt und ihr eine Dimension verliehen, die sich nicht in politischen und soziologischen Engführungen festhalten lässt.

Sie übersteigt – trotz der Schwächen und der Verfehlungen ihrer Glieder – das rein innerweltliche Begründungskonzept einer reinen Vergemeinschaftungen wie etwa ein Verein. Ihr Haupt ist Christus. Alles Heil geht von ihm aus. Das betrifft die Sakramente, die nicht reine Familienfeste sind, sondern die Vermittlung der Gnade sind, seiner Gnade. Das ist Innerweltlich nicht messbar, nicht sichtbar.

Nicht die Politik ist das ,Geschäft’ der Kirche, sondern die Verkündigung des Evangeliums.

Wenn Benedikt XVI. damals der Kirche in Deutschland das Prinzip Entweltlichung ans Herz gelegt hat, dann ging es nicht um die Kirchensteuer, sondern um das Ablegen der weltlichen Vereinnahmung. Nicht die Politik ist das „Geschäft“ der Kirche, sondern die Verkündigung des Evangeliums. Nicht das Nachzeichnen vermeintlicher Leitmeinungen wird zum Kennzeichen der Kirche, sondern das immer wieder und wieder notwendige Eintreten für das wahre Menschsein, für die Würde und das Recht, für all das, wofür es nur die eine Begründung gibt: Nämlich Gott. Er ist das Thema der Kirche. Zu ihm soll die Kirche die Welt führen, den Menschen leiten. Entweltlichung ist nicht Abschied von der Welt, sondern ein geistliches Auftreten in der Welt.

Die Handgeste von Papst Benedikt XVI während seiner Rede im Konzerthaus in Freiburg.

Die Entweltlichung, von der Benedikt so eindringlich gesprochen hat, ist nicht die Ablehnung der Welt, sondern der Appell an die Kirche, ihrer Herkunft, ihrem Auftrag und ihrer Sendung treu zu bleiben.

Die Kirche steht der Welt auch nicht negativ gegenüber. Warum sollte sie auch? Sie ist Gottes Schöpfung, und daher ist sie gut – wie uns der Schöpfungsbericht so wunderbar berichtet. Letztlich ist die Entweltlichung, von der Benedikt so eindringlich gesprochen hat, daher nicht die Ablehnung der Welt, sondern der Appell an die Kirche, ihrer Herkunft, ihrem Auftrag und ihrer Sendung treu zu bleiben – und darüber nachzudenken, wie sehr sie sich in die Enge menschlicher Betriebsamkeit hineinbewegt hat und dabei den Bezug zu Gott, zum Schöpfer und Vollender verloren hat.

Entweltlichung ist das Programm der Rückkehr zum Wesentlichen, das Motto der Hinwendung zu Gott, die Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber und das Sigel der Hoffnung und des Vertrauens in die Güte Gottes.

Wie tröstlich ist es doch, im Dickicht der weltlichen Verwobenheit eine übergeordnete geistliche Dimension wahrnehmen zu können, in der deutlich wird, dass der Mensch mehr ist, als das, was er ist oder hat. Dass er sich auf die Güte Gottes verlassen kann, dass der Mitmensch der Nächste ist, dass die Schönheit der Schöpfung ein Vorgeschmack auf die Schönheit der Erlösung ist.

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Links: Erzbischof Robert Zollitsch.

Wir müssen unseren Kopf entweltlichen, damit wir uns wieder als Kinder Gottes erfahren und erleben können.

Wir müssen unseren Kopf entweltlichen, damit wir uns wieder als Kinder Gottes erfahren und erleben können. Welch` ein Horizont wird damit eröffnet. Er lässt die Beine auf dem Boden der Welt, aber der Mensch springt leichtfüßig im Wissen um eine himmlische Dimension reicher über diese Welt. Oder mit den Worten von Papst Benedikt XVI.:

„Offensein für die Anliegen der Welt heißt demnach für die entweltlichte Kirche, die Herrschaft der Liebe Gottes nach dem Evangelium durch Wort und Tat hier und heute zu bezeugen, und dieser Auftrag weist zudem über die gegenwärtige Welt hinaus; denn das gegenwärtige Leben schließt die Verbundenheit mit dem Ewigen Leben ein. Leben wir als einzelne und als Gemeinschaft der Kirche die Einfachheit einer großen Liebe, die auf der Welt das Einfachste und das Schwerste zugleich ist, weil es nicht mehr und nicht weniger verlangt, als sich selbst zu verschenken.“

Der Autor, Dr. Christian Schaller, ist katholischer Theologe und Stellvertretender Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. in Regensburg. 2013 wurde Schaller für sein Wirken mit dem Joseph-Ratzinger-Preis ausgezeichnet.