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Der Klang der Wahrheit

Ratzingers Beiträge zur Kirchenmusik bieten Kriterien für eine Erneuerung der Sakralmusik. Sie unterstreichen die zentrale Bedeutung der Liturgie und öffnen globale Perspektiven. In dem Band „Ein neues Lied für den Herren“ (1995) sind sie gesammelt.

 

von P. Dr. Uwe Michael Lang

Buchcover Von Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. "Ein neues Lied für den Herrn" - Christusglaube und Liturgie in der Gegenwart

Der Sammelband Ein neues Lied für den Herrn enthält wichtige Beiträge Joseph Ratzingers zur Kirchenmusik. Die Neigung des Autors zur Musik erklärt sich zunächst aus seiner Biographie, denn schon früh lernte er diese Kunstform lieben, vor allem das Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts. Die Liebe zur Musik hat den deutschen Papst eng verbunden mit seinem 2020 verstorbenen Bruder Georg, der dreißig Jahre als Regensburger Domkapellmeister und Leiter der Domspatzen wirkte.

Georg Ratzinger und Papst Benedikt XVI verbunden durch die Musik

Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche

Joseph Ratzingers Perspektive ist nicht die eines Musikwissenschaftlers, sondern die eines Theologen, für den die Sakralmusik (musica sacra) wesentlicher Ausdruck des in der Liturgie gefeierten Christusgeheimnisses ist. Für die Buchveröffentlichung verfasste Ratzinger ein Vorwort, das mit einer provokanten Behauptung beginnt:

In den Jahren der Liturgischen Bewegung wie auch zu Beginn der konziliaren Liturgiereform mochte es vielen so scheinen, als sei das Mühen um die rechte liturgische Gestalt eine rein pragmatische Angelegenheit, eine Suche nach der den Menschen unserer Zeit am ehesten zugänglichen Form des Gottesdienstes. Inzwischen hat sich immer deutlicher gezeigt, dass es in der Liturgie um unser Verständnis Gottes und der Welt, um unser Verhältnis zu Christus, zur Kirche und zu uns selbst geht: Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche. [1]

Papst Benedikt XVI mit Weihrauch

Als Theologen und Papst ging es Ratzinger stets um eine Form des Gottesdienstes, die Menschen an sich zieht und so für das Wirken Gottes in Christus öffnet.

In der Liturgie drückt sich also nichts weniger als das Gottes- und Weltverständnis des christlichen Glaubens aus. Die „Herrlichkeit“ Gottes lässt sich erfahren in der Schönheit der Liturgie, in der Ratzinger einen lebendigen Beweis des Glaubens sieht, der über die Kraft von Vernunftargumenten hinausgeht. Auch in seinem Pontifikat ist er immer wieder auf diese innere Verbindung zurückgekommen. Als Theologen und Papst ging es Ratzinger stets um eine Form des Gottesdienstes, die Menschen an sich zieht und so für das Wirken Gottes in Christus öffnet.

Bei der Feier der Vesper in der Kathedrale von Notre-Dame in Paris am 12. September 2008 hat Benedikt XVI. in seiner Ansprache dieses Meisterwerk der gotischen Architektur als „einen lebendigen Gesang aus Steinen und Licht zum Lob“ der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gepriesen und daran erinnert, dass der Dichter Paul Claudel an diesem Ort während des Gesangs des Magnificat bei der Vesper am Weihnachtstag 1886 ein unmittelbares Erlebnis der Schönheit Gottes hatte, das ein entscheidendes Moment in seiner Bekehrung zum katholischen Glauben darstellte. [2]

gregorianischer Chor singt

Seine Analyse der Probleme der Kirchenmusik besticht durch Breite und Tiefe

Ratzinger widmet sich auch der vielfältigen Probleme, vor denen die Kirchenmusik gestellt ist, und seine Analyse besticht wie gewohnt durch Breite und Tiefe. Einerseits wurzeln die Probleme in radikalen Umbruchszeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Eine geradezu puritanische Lesart des Prinzips der „tätigen Teilnahme“ (participatio actuosa) aller Gläubigen an der Liturgie führte dahin, dass Musik, die künstlerische Ansprüche stellt und ausgebildete Musiker braucht, oft von banaler und vermeintlich gemeinschaftsstiftender „Gebrauchsmusik“ verdrängt wurde. Das traditionelle Repertoire, vom gregorianischen Choral bis hin zu den mehrstimmigen Kompositionen des 20. Jahrhunderts, wird als ungeeignet für die Liturgie betrachtet und in den Konzertsaal abgeschoben, wo es museal gepflegt oder gar in eine Art „säkularer“ Liturgie verwandelt wird.

Die Krise der „schönen Künste“ und die Rock- und Pop-Musik

Auf der anderen Seite ist es in der europäischen Moderne zu einer Krise der „schönen Künste“ gekommen, auf die sich die Sakralmusik jahrhundertelang berufen konnte. Ratzinger hat auch kritisch zu der Verwendung von Rock- und Pop-Musik in der Liturgie Stellung genommen. Diese betrachtet er als untauglich für den christlichen Gottesdienst, weil sie ebenso wie ein bestimmter Typus von heidnischer Kultmusik in der Antike letztlich auf ein „dionysisches“ Erlebnis von Rausch und Ekstase zielen.

Vor allem extremen Formen der Rockmusik liege eine „Befreiung vom Ich“ und ein Aufgehen ins Kollektiv zugrunde, die dem christlichen Erlösungsgedanken und Freiheitsbegriff widersprechen. Nachdem solchen Überlegungen erwartungsgemäß mit Unverständnis begegnet wurde, hat Ratzinger seine Argumente gegen bestimmte Musikformen im Gottesdienst vertieft.

Notre Dame schön erleuchtet innen bei Nacht

Philosophische Kulturkritik an der kommerziellen Popkultur

Dabei beruft er sich auf eine philosophische Kulturkritik, welche die Popmusik als industrielle Massenproduktion charakterisiert. Demgegenüber betont er das Kunstwollen der Musik für den Gottesdienst, das er in einer Betrachtung über den Psalmvers Psallite sapienter (Ps 46:8 in der Vulgata), hier mit „Singt kunstvoll“ wiedergegeben, entfaltet. Gegen den Vorwurf des Elitären würdigt Ratzinger auch die in Volkstraditionen verwurzelte religiöse Musik, die im Unterschied zur kommerziellen Popkultur der wirklich „populär“ ist.

Ein historisch denkender Theologe wie Joseph Ratzinger ist sich freilich bewusst, dass um die Bestimmung dessen, was als echte Sakralmusik gelten könne, in der langen Geschichte der Kirche bisweilen heftig gerungen wurde. Die frühen Christen waren darauf bedacht, die Musik ihrer Liturgie klar abzugrenzen von jener der heidnischen Kulte. Eine Folge dieser Distanzierung war der Ausschluss der Instrumente aus der christlichen Liturgie – was heute noch von den Ostkirchen aufrechterhalten wird und auch im lateinischen Westen (mit Ausnahme der Orgel) einen starken Traditionsstrom darstellt.

Kriterien für eine echten Erneuerung der Kirchenmusik

Die christliche Liturgie kann verstanden werden als Ergebnis eines „Vergeistigungsprozesses“, der vom Tempelkult des Alten Bundes mit seinen Tieropfern zur logiké latreía (Röm 12,1) führt, dem „geistbestimmten Gottesdienst“, der im Einklang mit dem göttlichen Wort und der menschlichen Vernunft steht – ein Schlüsselthema im Denken Joseph Ratzingers.

Mit der Entwicklung des gregorianischen Chorals in der römischen Liturgie wurde eine bemerkenswerte Harmonie zwischen dem theologischen Anspruch an die Musik in der Liturgie und dem natürlichen Drang nach künstlerischem Ausdruck erreicht. Ein bedeutender Vorzug des gregorianischen Chorals liegt in seiner engen Bindung an den biblischen Text, dem er musikalische Gestalt verleiht.

Joseph Ratzinger geht es nicht um die Kanonisierung eines bestimmten musikalischen Stils. Die immer noch aktuellen Überlegungen aus Ein neues Lied für den Herrn bieten vielmehr Kriterien für eine echten Erneuerung der Kirchenmusik und öffnen globale Perspektiven, wie die kulturellen Traditionen der jungen Kirchen in den Gottesdienst aufgenommen werden können.

Joseph Ratzinger, Ein neues Lied für den Herrn. Christusglaube und Liturgie in der Gegenwart (Freiburg – Basel – Wien, 1995)

Portrait Pater Uwe Michael lang

P. Uwe Michael Lang gehört der Kongregation des Oratoriums des hl. Philipp Neri zu London. Dort ist er in der Pfarrseelsorge tätig und lehrt Kirchengeschichte an der St Mary’s University, Twickenham und am Allen Hall Seminary. Er ist Herausgeber der Zeitschrift Antiphon: A Journal for Liturgical Renewal.

[4] Controversy VII, 3 b–c:  Khoury, pp. 144-145;  Förstel vol. I, VII. Dialog 1.6, pp. 240-243.

[4] Controversy VII, 3 b–c:  Khoury, pp. 144-145;  Förstel vol. I, VII. Dialog 1.6, pp. 240-243.