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Der Glaube als wahre Aufklärung

In seiner letzten Osternachtspredigt als Oberhaupt der katholischen Kirche am 7. April 2012  geht Benedikt XVI. fast beiläufig auf das Wirken der Bienen ein. Ein Bild mit hoher symbolischer Bedeutung.

 

von Professor Dr. Michaela C. Hastetter

Portrait Professor Dr. Michaela C. Hastetter

In die letzte Osternachtspredigt des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. hat sich ein kleines Tierlein eingeschlichen, dem eine große Bedeutung zugestanden wird. Es ist die Biene. Zunächst beginnt die Predigt ganz klassisch mit der Gegenüberstellung von Ostern als Fest der Neuschöpfung und der Lichtschöpfung im ersten Schöpfungsbericht der Genesis, was Papst Benedikt im Fortgang der Predigt an drei Fragen aktualisiert: Was will die Lichtschöpfung sagen? Wie soll dies für uns Wirklichkeit werden? Und: Wieso ist das Christus-Licht wirkliches Leben für uns?

Ganz am Ende, als man schon den Eindruck hat, die Predigt sei zum Abschluss gekommen, setzt Papst Benedikt nochmals an und bindet die Lichtsymbolik der Auferstehung Christi an das Symbol der Osterkerze aus dem „Exultet“ der Liturgie. In diesem altkirchlichen Hymnus wird in der Osternacht nicht nur das Licht, sondern auch die Arbeit der Bienen besungen: „Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs, das der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat.“

Papst Benedikt XVI. trägt zu Beginn des Gottesdienstes eine Kerze.eier der Ostervigil mit Papst Benedikt XVI. am Abend des 7. April 2012 im Petersdom in Rom mit der Taufe von acht Erwachsenen.

Das Licht Christi in die Welt leuchten lassen

Mit der Anspielung auf den Fleiß der Bienen wird für Benedikt XVI. in der Osterkerze die ganze Schöpfung in die Liturgie hineingenommen und „zum Träger des Lichts“. Neben dieser kosmischen Dimension der Arbeit der Biene sieht Benedikt XVI. aber noch einen weiteren Aspekt gegeben, den er aus der Theologie der Kirchenväter schöpft, ohne hier freilich einen konkreten Autor anzugeben. Wie die Väter sieht auch er in der Zusammenarbeit der vielen Bienen einen „stille[n] Hinweis auf die Kirche“.

Was ist damit gemeint? Er drückt dies so aus: „Das Zusammenwirken der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche ist gleichsam wie das Wirken der Bienen. Es baut die Gemeinschaft des Lichtes auf. So dürfen wir in der Kerze auch einen Anruf an uns selbst und unser Miteinander in der Gemeinschaft der Kirche sehen, die da ist, damit das Licht Christi in die Welt hineinleuchten kann.“

Eine geistlich Schlüsselstelle, um die Trennung zu überwinden

Diese Bienendeutung ist für mich persönlich sehr wichtig geworden, gerade im Hinblick auf die Einheit der Christen. So wurde mir der „stille Hinweis“ auf die Kooperation der Bienen zur geistlichen Schlüsselstelle für die Bedeutung des Zusammenwirkens von Katholiken und Orthodoxen in einer lebendigen Gemeinschaft, die in Wien 2017 im Wiener Studienhaus Johannes von Damaskus konkrete Gestalt angenommen hat.

Wie die Bienen sollen wir in Einheit zusammenarbeiten und dadurch Trennungen überwinden. Und wo eine Gemeinschaft im Inneren vom Christus-Licht zusammengehalten wird, da hat sie auch die Kraft, dieses lebendige Christus-Licht nach außen in die Welt zu tragen. In dieser Weitergabe des Lichts sieht Papst Benedikt in seiner Osterpredigt den eigentlichen Auftrag der Getauften.

Papst Benedikt XVI. hält während des Gottesdienstes eine Kerze im Petersdom.

Die hochtechnisierte Welt ist in ein Gottesdunkel getaucht, das mit einem Wertedunkel einhergeht und die menschliche Existenz, ja sogar die Welt selbst bedroht

Denn die hochtechnisierte Welt ist in ein Gottesdunkel getaucht, das mit einem Wertedunkel einhergeht und die menschliche Existenz, ja sogar die Welt selbst bedroht. In einer Zeitepoche, in der die elektrischen Lichter das Leuchten der Sterne verdunkelt haben, ist für Gott vor lauter Aufgeklärtheit kein Platz mehr. Deshalb sieht Papst Benedikt in dem Glauben, „der uns das Licht Gottes zeigt, die wahre Aufklärung“, den „Einbruch von Gottes Licht in unsere Welt“ und „die Öffnung unserer Augen für das wirkliche Licht“.

Für die Deutung der Bienen in der Osternachtspredigt hin auf das Zusammenwirken der Getauften in der Kirche ist Papst Benedikt XVI. bei den Kirchenvätern in die Schule gegangen. Kürzlich bin ich auf zwei solcher Bienendeutungen bei den Vätern gestoßen. In den Hoheliedpredigten schreibt der hl. Gregor von Nyssa, dass wir es der Biene gleichtun sollen und zur „Wiese der göttlich inspirierten Worte“, also der Heiligen Schrift, hinfliegen sollen, um auf diese Weise „eine Honigwabe herzustellen, indem man den Ertrag dieses Arbeitseifers wie in einem Bienenstock aufbewahrt“ (in Cant IX). Es ist ein schönes Bild, mit dem der hl. Gregor den Arbeitseifer der Biene mit unserem Eifer bei der Schriftlesung vergleicht, bei der wir die Jesus-Worte im Gedächtnis bewahren sollen wie in den Kammern eines Bienenstocks oder eben wie in „Zellen einer Honigwabe“.

Papst Benedikt XVI. während des Gottesdienstes zu Ostervigil. Er trägt seine Mitra und hält ein goldenes Kreuz in der Hand.

Deutungen der Kirchenvätern

Eine zweite Bienendeutung fand ich beim hl. Ephräm dem Syrer, dem Patron unseres neu gegründeten wissenschaftlichen Zentrums STEP für Orient&Okzident-Studien. Ganz ähnlich wie Papst Benedikt kommt auch der hl. Ephräm in einem Auferstehungs-Hymnus auf die Biene und sieht in ihr ein Symbol auf die Schöpfung und auf die Kirche:

„Auch jene schwache geflügelte Biene kommt voll Eifer im Blütenmonat hervor. – Betrachte dieses allerschwächste Tier und sei eifrig, nach seinem Vorbild. […] Denn aus allen Blüten sammelt sie Nutzen, – und ihr verborgener, verachteter Schatz, – öffnet man ihn, dann ist es ein Wunder zu sehen, wie sie gearbeitet, – gebaut und angefüllt hat. Gepriesen sei ihr Schöpfer.“

„Die Süßigkeit ist ausgestreut; es sammelt sie der Mund – dieses allerreinsten Tieres. Ein Spiegel für die Kirche: – sie sammelt aus den Büchern die Süßigkeit des Heiligen Geistes.“ (HymResurr IV,6-7)

Ist bei den Vätern das Bienenbild mehr vom Sammeln des Blütennektars bestimmt, fokussiert Benedikt XVI. das Moment der Einheit in der Zusammenarbeit der Bienen. Hinter dieser von der Osterkerze angeregten und auf die Kirche hin entfalteten Bienensymbolik mag bei Papst Benedikt sein eigener Wahlspruch stehen: Bienengleiche „Mitarbeiter der Wahrheit“ (cooperatores veritatis) zu sein.

Portrait Professor Dr. Michaela C. Hastetter

Die Autorin, Prof. Dr.  Michaela C. Hastetter, ist Lehrstuhlinhaberin für Pastoraltheologie und Religionspädagogik am Internationalen Theologischen Institut (ITI), Trumau und Mitgründerin des Wiener Studienhauses Johannes von Damaskus.