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Ein Manifest des Dialogs der Religionen und Kulturen

Mit seiner Vorlesung zum Thema „Glaube, Vernunft und Universität" an der Regensburger Universität am 12. September 2006 hat Benedikt XVI. gezeigt, warum Vernunft und Glaube aufeinander angewiesen sind.

 

von Gerhard Kardinal Müller

Kardinal Gehard Müller bei schönem sonnigen Wetter. Im Hintergrund ist ein beiges, säumiges Gebäude zu erkennen und ein strahlend blauer Himmel.

In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen. Dabei trägt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten hinausweist. Sie selber muss die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muss von der Naturwissenschaft weitergegeben werden an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie.

(Papst Benedikt XVI.)

Die Vorlesung von Papst Benedikt XVI. zum Thema „Glaube, Vernunft und Universität" an der Regensburger Universität wurde zu einem „Manifest des Dialogs der Religionen und Kulturen.“ Grundlage ist die Vernunft; Horizont der Glaube an Gott.

Der Glaube ist nicht entfremdende Projektion oder nützliche Fiktion. In seinem Ursprung und Inhalt ist er ein Erleuchtet-Werden durch die Selbsterkenntnis Gottes, die Gott von sich selbst hat in seinem ewigen Logos. Das ist das Wort, das in Jesus Christus Fleisch geworden ist (Joh 1, 14).
 

„Der Relativismus führt unausweichlich in eine Gesinnungsdiktatur“

Im Licht des Wortes Gottes können wir eintreten in einen fruchtbaren Dialog mit den Wissenschaften, aber auch mit den großen Sinndeutungen des Menschseins in den Philosophien und den Weltreligionen. Gott spricht in seinem Logos (=Wort und Vernunft), indem er uns Menschen in unserer Vernunft anspricht. „Glaube ist geistiger Gottesdienst.“ (Röm 12, 1)

Falsch ist die Meinung, das Christentum könne ohne dogmatischen Wahrheitsanspruch vor der aufgeklärten Vernunft und der modernen Wissenschaft bestehen. Der Relativismus führt unausweichlich in eine Gesinnungsdiktatur. Wenn nicht mehr alle Menschen in der Suche nach der Wahrheit und der Liebe zu ihr miteinander verbunden wären, müsste an die frei gewordene Stelle des Wahrheitsgewissens die Ideologie der totalitären Welterklärung und Gesellschaftsordnung des restlos kontrollierten Menschen treten.

Wo Menschen mit ideologischer Motivation ein Paradies von Menschenhand bauen wollten, haben sie nur die Pforten der Hölle geöffnet

Überall, wo Menschen mit ideologischer Motivation das Weltgericht an Stelle Gottes vorwegnehmen und ein Paradies von Menschenhand bauen wollten, haben sie nur die Büchse der Pandora oder die Pforten der Hölle geöffnet.

Auf jeden Fall kann dem modernen Phänomen des internationalen Terrorismus gerade auch in seiner pseudoreligiösen Version nicht einfach fortschrittsgläubig mit Appellen an Vernunft, Toleranz und Brüderlichkeit begegnet werden, wenn das Fundament dieser Werte in Gott ignoriert wird.

Wie einzelne Suren im Koran, die von Gewalt und Krieg in Glaubens- und Gewissensfragen sprechen, im historischen Kontext auszulegen sind, sei den gelehrten Muslim anheimgestellt. In systematischer Auslegung jedoch scheint die erste Sure der Schlüssel zum Verständnis für alle folgenden Verse zu sein.
 

Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider

Denn „im Namen Gottes, des Sich Erbarmenden, des Barmherzigen" (Sure 1), lässt sich kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechtfertigen. „Gott hat kein Gefallen am Blut und nicht vernunftgemäß handeln, also ohne den Logos, ist dem Wesen Gottes zuwider." So hatte es [der byzantinische Kaiser] Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her seinem [islamischen] Gesprächspartner entgegengehalten."

Gewiss sind wir Menschen nicht in der Lage, uns selbst den Frieden zu geben, so wie nur Gott ihn gibt. Aber wir sind aufgerufen zur Mitarbeit an einer Gesellschaft, deren tragender Grund die Würde der menschlichen Person ist.

Papst Benedikt winkt seinen Zuhörern der Universität Regensburg nach seiner Ansprache zu.

Durch nichts wird Gott mehr verherrlicht als durch die Liebe zur Wahrheit und den Dienst am Nächsten. Das ist - unbeschadet tiefreichender Unterschiede im Glaubensbekenntnis - das Unterscheidungsmerkmal zwischen wahrer von falscher Religion.

Juden und Christen, Muslime und Menschen anderer Religionen erkennen Gott an als den Herrn und Schöpfer aller Menschen, der uns geschaffen hat. Darum bleibt als Basis des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft die Einsicht bestehen: Durch nichts wird Gott mehr verherrlicht als durch die Liebe zur Wahrheit und den Dienst am Nächsten. Das ist - unbeschadet tiefreichender Unterschiede im Glaubensbekenntnis - das Unterscheidungsmerkmal zwischen wahrer von falscher Religion.

Kardinal Gehard Müller bei schönem sonnigen Wetter. Im Hintergrund ist ein beiges, säumiges Gebäude zu erkennen und ein strahlend blauer Himmel.

Der Autor, Gerhard Kardinal Müller, war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg. Im Jahr 2012 berief ihn Papst Benedikt XVI. nach Rom und ernannte ihn zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Die Amtszeit von Kardinal Müller endete 2017.