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Gott existiert

Aber was heißt das für mein Leben?

 

Die Gottesfrage ist sein großes Lebensthema. Ob als Professor, Bischof oder Papst - stets ging es Joseph Ratzinger darum, die Frage nach Gott in einer zunehmend säkularisierten Welt wachzuhalten. Warum ist das so wichtig? Und was hat die Frage nach Gott mit meinem Leben zu tun? In einer Predigt aus dem Jahr 1973 greift Ratzinger die große Frage nach Gott auf und gibt Antworten. Kurz, klar und verständlich. Ein Text wie ein Katechismus im Taschenformat.

Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg, am 4. Januar 1971 in Würzburg.

Warum macht man ein Kreuzzeichen? Warum ist der Glaube an den Dreieinigen Gott das Entscheidende am Christsein? Was hat das mit der Taufe zu tun? Was bedeutet es, dass Gott Beziehung ist? Warum sprechen wir von Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Heiliger Geist? Wie soll man das verstehen? Kann man mit Gott in Kontakt treten? Und wie geht das? Dieser Beitrag von Joseph Ratzinger gibt Antworten:

Wie oft haben wir schon gedankenlos das Kreuzzeichen gemacht und dabei den Namen des Dreieinigen Gottes angerufen? Von seinem ursprünglichen Sinn her ist dies jedes Mal Tauferneuerung, Aufnehmen der Worte, mit denen wir zu Christen gemacht wurden, und Aneignung dessen, was uns in der Taufe ohne unser Zutun und Nachdenken geschenkt wurde, in unser persönliches Leben hinein. Denn damals wurde über uns Wasser ausgegossen und dabei das Wort gesprochen: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Kirche macht den Menschen zum Christen, indem sie den Dreifaltigen Gott nennt.

Sie drückt auf diese Weise seit ihren Ursprüngen aus, was sie für das eigentlich Entscheidende am Christsein ansieht: den Glauben an den Dreieinigen Gott.

Der Kölner Kardinal Joseph Frings (r) nahm den jungen Theologieprofessor Joseph Ratzinger als Berater mit zum Konzil nach Rom (undatiertes Foto).

Gott ist: Was bedeutet das für unseren Alltag?

Das enttäuscht uns. Es ist so weit weg von unserem Leben. Es ist so nutzlos und so unverständlich. Wenn schon Kurzformel, dann erwarten wir etwas Anziehendes, Aufregendes, etwas, dessen Wichtigkeit für den Menschen und sein Leben sich unmittelbar aufdrängt. Und doch kommt es eben auf dies an, was hier gesagt wird: Im Christentum geht es nicht zuerst um die Kirche oder um den Menschen, sondern um Gott. Seine eigentliche Orientierung geht nicht auf unsere Hoffnungen, Befürchtungen und Wünsche, sondern auf Gott, auf seine Hoheit und Macht. Der erste Satz christlichen Glaubens, die Grundorientierung christlicher Bekehrung, lautet: Gott ist.

Was aber heißt das? Was bedeutet es in unserem täglichen Leben in dieser unserer Welt? Nun zuerst einmal: Gott ist, also sind die „Götter“ nicht Gott. Also muss man ihn anbeten und niemand sonst. Aber sind die Götter nicht ohnedies längst tot? Ist das nicht ohnedies klar und darum nichtssagend? Wer wach in die Wirklichkeit blickt, muss hier mit einer Gegenfrage antworten: Gibt es in unserer Zeit wirklich keinen Götzendienst mehr? Gibt es nichts mehr, das angebetet wird neben und gegen Gott? Oder steigen nicht nach dem „Tod Gottes“ die Götter mit einer geradezu unheimlichen Macht wieder empor?

Sind nicht Geld, Macht, Ansehen, öffentliche Meinung, Sexus zu Mächten geworden, vor denen sich die Menschen beugen, denen sie wie Göttern dienen? Würde die Welt nicht anders aussehen, wenn diese Götter vom Thron gestürzt würden?

Hat Gott abgedankt oder handelt er auch heute?

Gott ist – das bedeutet: Es gibt die Hoheit der Wahrheit und des Rechts über allen unseren Zwecken und Interessen. Es gibt den Wert des irdisch Wertlosen. Es gibt die Anbetung Gottes selbst, die wahre Anbetung, die den Menschen vor der Diktatur der Zwecke schützt und allein imstande ist, ihn vor der Diktatur der Götzen zu schützen.

Gott ist – das heißt auch: Wir alle sind seine Geschöpfe. Nur Geschöpfe, aber eben als Geschöpfe wahrhaft herkünftig von Gott. Wir sind Geschöpfe, von ihm gewollt und für die Ewigkeit bestimmt: auch der Nachbar ist es, der vielleicht Unsympathische neben mir. Nicht aus dem Zufall kommt der Mensch, nicht aus dem bloßen Kampf ums Dasein, der das Zweckmäßige zum Siege führte, das Durchsetzungsfähige – er kommt aus Gottes schöpferischer Liebe.

Gott ist – dabei muss vor allem auch das Wörtchen „ist“ unterstrichen werden in der Bedeutung: Gott ist wirklich, das heißt, er wirkt, er handelt, und er kann handeln. Er ist nicht ein ferner Ursprung oder ein unbestimmtes „Wohin unseres Transzendierens“. Er ist nicht abgedankt vor seiner Weltmaschine, nicht funktionslos, weil alles selbst funktioniert. Die Welt ist und bleibt seine Welt, die Gegenwart ist seine Zeit, nicht die Vergangenheit. Er kann handeln, und er handelt, ganz real, jetzt, in dieser Welt und in unserem Leben.

Dreifaltigkeit: Geht es nicht auch einfacher?

Trauen wir ihm? Sehen wir ihn als Wirklichkeit an im Kalkül unseres Lebens, unseres Alltags? Haben wir begriffen, was die erste Tafel der Zehn Gebote bedeutet, die der eigentlich fundamentale Anspruch an das menschliche Leben ist, entsprechend den ersten drei Bitten des Vaterunsers, die die erste Tafel aufnehmen und sie zur Grundrichtung unseres Geistes, unseres Lebens machen wollen?

Gott ist – christlicher Glaube fügt hinzu: Gott ist als Vater, Sohn und Heiliger Geist – dreifaltig-eins. Ein verlegenes Schweigen umgibt in der Christenheit weithin diesen ihren Mittelpunkt. Hat die Kirche sich damit nicht zu weit vorgewagt? Sollten wir nicht lieber so Großes, so Unzugängliches in seiner Unzugänglichkeit belassen? Kann solches überhaupt etwas für uns bedeuten?

Nun, gewiss, dieser Satz ist und bleibt Ausdruck der Andersheit Gottes, der unendlich größer ist als wir, all unser Denken und Sein überschreitet. Aber wenn er uns gar nichts zu sagen hätte, wäre sein Inhalt nicht offenbart worden. Ja, er konnte überhaupt nur in menschliche Sprache gefasst werden, weil er ein Stück weit in menschliches Denken und Leben eingedrungen war.

Mutter Teresa (links im Bild) und Kardinal Joseph Ratzinger, Erzbischof von München und Freising, während des 85. Deutschen Katholikentages in Freiburg am 17. September 1978.

Vaterschaft in der Krise: Stirbt damit auch Gott-Vater?

Was also heißt das? Beginnen wir an der Stelle, an der auch Gott begonnen hat. Er nennt sich Vater. Menschliche Vaterschaft darf eine Ahnung geben von dem, was er ist. Aber wo es Vaterschaft nicht mehr gibt, wo wirkliche Vaterschaft als ein nicht bloß biologisches, sondern zugleich menschliches und geistiges Phänomen nicht mehr erfahren wird, da wird auch die Rede von Gott dem Vater leer. Wo menschliche Vaterschaft verschwindet, ist Gott nicht mehr sagbar und denkbar.

Nicht Gott ist tot, sondern im Menschen ist das weithin erstorben, was die Voraussetzung dafür wäre, dass Gott lebt in der Welt. Die Krise der Vaterschaft, die wir heute erleben, gehört zum Kern der Krise der Humanität, die uns bedroht. Wo Vaterschaft nur noch entweder als biologischer Zufall ohne menschlichen Anspruch oder als Tyrannis erscheint, die man abwerfen muss, da ist etwas am Grundgefüge des Menschseins verletzt.

Zur Gänze des Menschseins bedarf es des Vaters in jenem wahren Sinn, in dem er durch den Glauben in Erscheinung getreten ist: als Verantwortung für den anderen, die ihn nicht beherrscht, sondern ihn freigibt zu sich selbst: als Liebe, die den anderen nicht vereinnahmen möchte, aber ihn auch nicht einfach in seiner Vorfindlichkeit bestätigt und das für Freiheit ausgibt, sondern ihn für seine innerste Wahrheit will, die in seinem Schöpfer ist.

Ist Gott auch Mutter?

Solches Vatersein ist freilich nur möglich unter der Voraussetzung der Annahme des eigenen Kindseins. Die Bejahung des Jesuswortes „Nur einer ist euer Vater, der im Himmel“ (Mt 23, 9) ist die innere Voraussetzung dafür, dass Menschen auf rechte Weise Vater sein können: nicht in einer Herrschaft über die anderen Menschen, sondern in der Verantwortung der Wahrheit, die sich selbst freigegeben hat an Gott und so den anderen zu sich befreien kann, ohne Eigensucht, für den Gott, in dem er sich findet.

Wir müssen freilich auch dies hinzudenken: Die Tatsache, dass Gott in der Bibel primär unter dem Bild „Vater“ erscheint, schließt doch das andere mit ein, dass auch das Geheimnis des Mütterlichen in ihm seinen Ursprung hat und nicht weniger auf ihn verweist oder in seiner Verzerrung von ihm wegweist als die Vaterschaft.

Dass der Mensch „Bild Gottes“ ist, wird hier in seinem realen und sehr praktischen Inhalt verständlich. Er ist nicht Bild Gottes als Abstraktion – das führt nur wieder zu einem abstrakten Gott. Er ist es in seiner konkreten Wirklichkeit, und die ist Beziehung: Er ist es als Vater, als Mutter, als Kind („Sohn“). Insofern sind diese Bezeichnungen, auf Gott angewandt, „Bilder“, aber sie sind es, weil der Mensch „Bild“ ist, und sind es mit dem Realitätsanspruch, der darin liegt. Sie sind Bilder, die „das Bild“ verlangen und darin Vergegenwärtigung Gottes werden können oder sein „Tod“.

Die Menschwerdung des Menschen und seine Gotteserkenntnis sind untrennbar, eben weil er ,das Bild’ Gottes ist. Wo sein Menschsein zerstört wird, geschieht etwas am Gottesbild.

Die Menschwerdung des Menschen und seine Gotteserkenntnis sind untrennbar, eben weil er „das Bild“ Gottes ist. Wo sein Menschsein zerstört wird, geschieht etwas am Gottesbild. Die Auflösung von Vaterschaft und Mutterschaft, die man am liebsten in die Retorte verlegen würde, zumindest aber in einen biologischen Augenblick verkürzt, verbunden mit der Auflösung des Kindseins, das einer vollen Egalität von Anfang an weichen soll, ist ein Programm der Hybris, das den Menschen gleichzeitig aus dem biologischen Raum herausnehmen will und ihn ganz dorthin versklavt; sie reicht in die Wurzeln des Menschseins und in die Wurzeln der Fähigkeit, Gott zu denken: Wo er nicht mehr abgebildet wird, kann er auch nicht mehr gedacht werden. Wo das Denken seine ganze Kraft einsetzt, seine Abbildung unmöglich zu machen, kann kein „Gottesbeweis“ ihm mehr etwas sagen.

Freilich müssen wir bei solchen zeitkritischen Überlegungen die Kirche beim Dorf lassen. Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass es gerade auch heute beispielhafte Väter und Mütter gibt und dass so große Gestalten wie Janusz Korczak und Mutter Teresa demonstrieren, wie ohne biologische Vaterschaft oder Mutterschaft gerade deren wahres Wesen erfüllt werden kann.

Andererseits müssen wir uns gegenwärtig halten, dass die ganz reine Verwirklichung immer Ausnahme blieb, dass das Bild Gottes im Menschen immer befleckt und verzerrt war. Deswegen ist es leere Romantik zu sagen: Verschont uns mit den Dogmen, mit der Christologie, dem Heiligen Geist, der Dreifaltigkeit; es genügt doch völlig, Gott den Vater und die Bruderschaft aller Menschen zu verkünden und dies ohne mystische Theorien zu leben – darauf komme es allein doch an.

Kann man Vätern vertrauen? Bei guter Laune sind sie ganz nett, aber dann wieder unberechenbar. Ist Gott auch so?

Das hört sich sehr plausibel an, aber kommt man auf diese Weise wirklich dem komplizierten Wesen Mensch bei? Woher wissen wir denn, was Vaterschaft ist, was Geschwisterschaft ist, dass wir darauf so viel vertrauen können? Gewiss gibt es in frühen Kulturen bewegende Zeugnisse reinen Vertrauens zum „Vater“ in den Himmeln. Aber im Fortgang der Entwicklung ist die religiöse Aufmerksamkeit meist sehr schnell von ihm abgegangen und hat sich vordergründigeren Mächten zugewandt; mit der Entfaltung der Geschichte hat überall auch das Menschenbild und so das Gottesbild zweideutige Züge angenommen.

Die Griechen haben bekanntlich ihren Zeus „Vater“ genannt. Aber das war für sie kein Wort des Vertrauens, sondern ein Ausdruck der tiefen Zweideutigkeit Gottes, der tragischen Zweideutigkeit und Furchtbarkeit der Welt. Wenn sie sagten „Vater“, so hieß dies: Er ist, wie Menschenväter eben sind. Manchmal ganz nett, wenn er gut gelaunt ist; aber im Tiefsten ein Egoist, ein Tyrann, unberechenbar, undurchschaubar und gefährlich.

Genauso erlebten sie die geheime Macht, die die Welt beherrscht: Einzelne Menschen werden wie Lieblinge hofiert, andere lässt sie gleichgültig verhungern, versklavt werden, verkommen. Der „Vater“ der Welt, wie das Leben ihn erfahren lässt, spiegelt die Menschenväter: parteiisch und im Letzten unheimlich.

Spielt Gott mit der Welt oder liebt er verlässlich? Woher weiß man das?

Aber auch „Brüderlichkeit“, die heute in der Abkehr von der Welt der Väter so begeistert beschworen wird – ist sie denn in unserer Erfahrung so eindeutig, so hoffnungvoll? Das erste Geschwisterpaar der Weltgeschichte heißt nach der Bibel Kain und Abel; im römischen Mythos entsprechen dem Romulus und Remus – das Motiv ist durchgängig und wie eine grausame, aber von der Wirklichkeit selbst geschriebene Parodie auf den Hymnus der „Brüderlichkeit“.

Haben eigentlich die Erfahrungen seit 1789 dieser Parodie nicht neue, noch schrecklichere Züge gegeben und weit mehr die Vision „Kain und Abel“ bestätigt als das, was unter diesem Wort verheißen wurde?

Woher also wissen wir, dass Vaterschaft verlässige Güte ist, dass Gott allem Anschein zum Trotz nicht spielt mit der Welt, sondern sie verlässig liebt?

Dazu musste Gott selbst sich zeigen, die Bilder umstürzen und ein neues Maß aufrichten. Dies geschieht im Sohn, in Christus. Sein ganzes Leben ist betend hineingehalten in den Abgrund der Wahrheit und der Güte, der Gott ist. Erst von diesem Sohn her erfahren wir wirklich, was Vater ist.

Wozu braucht es Jesus und was ändert sich durch ihn?

Die Religionskritik des 19. Jahrhunderts hatte behauptet, die Religionen seien entstanden, indem die Menschen ihr Bestes und Schönstes an den Himmel projizierten, um sich die Welt erträglich zu machen. Aber als sie nur ihr Eigenes an den Himmel projizierten, da hieß es Zeus und da war es unheimlich. Der biblische Vater ist nicht eine himmlische Verdoppelung der menschlichen Vaterschaft, sondern setzt etwas Neues, er ist die göttliche Kritik der menschlichen Vaterschaft. Gott setzt sein eigenes Maß.

Ohne Jesus wissen wir nicht, was „Vater“ wirklich ist. In seinem Gebet ist es aufgeleuchtet, und dieses Gebet gehört gründend zu ihm. Ein Jesus ohne das ständige Hineinversenktsein in den Vater, ohne die ständige innerste Kommunikation mit ihm, wäre ein völlig anderes Wesen als der Jesus der Bibel, der wirkliche Jesus der Geschichte. Er hat aus der Mitte des Gebets gelebt, von da aus Gott und die Welt und die Menschen verstanden.

Mit den Augen Gottes die Welt anschauen und so leben: das heißt ihm nachfolgen. Von ihm her wird sichtbar, was es heißt, ganz aus dem Satz zu leben: Gott ist. Von ihm her wird sichtbar, was es heißt, die erste Tafel der Gebote als erste anzunehmen. Er hat dieser Mitte Sinn gegeben. Er zeigt, was sie ist.

Papst Johannes Paul II bei Kreuzweg

Vater und Sohn, aber woher kommt plötzlich der Dritte?

Aber nun steht hier nochmals eine Frage auf: Zu Jesus gehört die betende Kommunikation mit Gott unerlässlich. Sie begründet ihn. Ohne sie wäre er nicht derselbe, der er ist. Aber gehört sie auch zum Vater, den er anredet, sodass auch er ein anderer wäre, wenn er nicht so angeredet würde? Oder geht dies an ihm vorüber, ohne in ihn einzutreten?

Die Antwort lautet: Zum Vater gehört genauso das Sohnsagen wie zu Jesus das Vatersagen. Er wäre ohne diese Anrede ebenfalls nicht der gleiche. Jesus rührt nicht bloß von außen an ihn, er gehört zum Gottsein Gottes, als Sohn. Bevor noch die Welt geschaffen wird, ist Gott schon Liebe von Vater und Sohn. Er kann deshalb unser Vater und Maß aller Vaterschaft werden, weil er seit ewig selbst Vater ist.

Im Gebet Jesu wird uns das Innere Gottes selbst sichtbar, wie Gott selber ist. Glaube an den Dreieinigen Gott ist nichts anderes als Auslegung dessen, was im Gebet Jesu geschieht. In seinem Gebet leuchtet Dreieinigkeit auf. Aber wieso Dreieinigkeit, wird man jetzt fragen. Zweieinigkeit, das haben wir begriffen, das ist nach dem Gesagten einsichtig. Aber woher kommt plötzlich der Dritte?

Wir werden dieser Frage eine eigene Meditation widmen müssen; vorläufig ein Hinweis. Bloße Zweieinigkeit, darf man sagen, gibt es gar nicht, weil entweder das Gegenüber, die Zweiheit, verbleibt und dann keine wirkliche Einheit wird oder die beiden verschmelzen und so die Zweiheit zurückgenommen ist.

Taufe: Nimmt man Kindern da nicht die Freiheit, sich selbst zu entscheiden?

Versuchen wir, es weniger abstrakt zu fassen: Vater und Sohn werden nicht so eins, dass sie sich wieder ineinander auflösen. Sie bleiben gegenüber, denn die Liebe gründet im Gegenüber, das nicht aufgehoben wird. Wenn sie so jeder er selbst bleiben und sich nicht gegenseitig aufheben, dann kann ihr Einssein nicht in jedem Einzelnen für sich bestehen, sondern in der Fruchtbarkeit, in der jeder sich selber schenkt und jeder er selber ist. Sie sind eins dadurch, dass ihre Liebe fruchtbar ist, dass sie über sie hinausgeht. Im Dritten, in dem sie sich selbst verschenken, im Geschenk, sind sie je selbst und sind sie eins.

Kehren wir zurück: Im Gebet Jesu leuchtet der Vater auf, wird Jesus als Sohn erkennbar und so eine Einheit sichtbar, die Dreieinigkeit ist. Christwerden heißt von da aus: am Gebet Jesu teilnehmen, eintreten in sein Lebensmodell, das heißt in sein Gebetsmodell. Christwerden heißt: mit ihm Vater sagen und so Kind, Sohn Gottes – Gott – werden, in der Einheit des Geistes, der uns selber sein lässt und uns gerade so einbezieht in die Einheit Gottes. Christsein heißt: aus dieser Mitte die Welt ansehen und von da aus frei werden, hoffend, entschieden und getrost.

Damit haben wir zugleich wieder den Ausgangspunkt dieser Betrachtung erreicht. Wir wurden auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft, ehe wir darum wussten. Heute sind uns weithin Zweifel gekommen, ob das gut ist so. Wir haben den Eindruck, damit würden Entscheidungen vorweggenommen und dem Menschen aufgedrängt, die er eigentlich nur selber fällen kann. Solche Vorwegnahme erscheint uns als eine fragwürdige Beeinträchtigung menschlicher Freiheit in einem zentralen Bereich der Lebensgestaltung.

Papst Benedikt XVI spricht in ein Mikrofon, hat ein Blatt in der Hand und macht eine betonende Geste mit seiner Hand

Die Kirche, ein Verein der nervige Vorgaben macht. Was stimmt da nicht?

Darin drückt sich unsere tiefe Unsicherheit dem christlichen Glauben selbst gegenüber aus: Wir empfinden ihn eher als eine Last denn als eine Gnade – eine Last, die man nur selber sich zumuten darf. Aber wir vergessen dabei, dass uns auch das Leben vorgegeben wird, ungefragt, und mit dem Leben so vieles andere: Wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ja nicht nur das biologische Dasein vorgegeben, sondern die Sprache, die Zeit, ihr Denken, ihre Wertungen.

Leben ohne Vorgaben gibt es nicht. Die Frage ist nicht, ob überhaupt Vorgaben, sondern welche. Wenn Taufe Geliebtwerden von der ewigen Liebe vorgibt, welche Vorgabe wäre dann kostbarer und reiner als diese? Die Vorgabe des Lebens allein ist ohne Sinn. Sie kann zur furchtbaren Last werden. Dürfen wir Leben vorgeben? Vertretbar ist dies nur dann, wenn das Leben selbst vertretbar ist; wenn es getragen ist von einer Hoffnung, die über alle irdischen Schrecknisse hinausreicht.

Wo Kirche nur noch als zufälliger Verein erscheint, da wird die Vorgabe des Glaubens fraglich. Aber wer überzeugt ist, dass es darin nicht um einen Verein geht, sondern um das Geschenk der Liebe, die uns schon erwartet, ehe wir zu atmen beginnen, der wird keine köstlichere Aufgabe kennen, als den Menschen für die Vorgabe der Liebe zu bereiten, die allein die Vorgabe des Lebens rechtfertigt.

So müssen wir wohl vor allem wieder lernen, Christsein von Gott her zu verstehen, als Glauben an seine Liebe und als Glaube daran, dass er Vater, Sohn und Heiliger Geist ist: Nur so hat der Satz, er sei Liebe, überhaupt Sinn. Denn wenn er es nicht in sich ist, dann ist er es überhaupt nicht. Wenn er es aber in sich ist, dann muss er Ich und Du und dann muss er eins: dreieinig sein. Bitten wir ihn, dass er uns die Augen auftut, dass wir Christsein wieder von ihm her verstehen und darin uns selbst neu verstehen und die Menschheit erneuern.